11
Dez
08

Den Teufel tun

Eben lese ich eine absolut lieb- und lustlose Konzertkritik zu einem jüngsten Auftritt eines meiner Lieblingsmusiker –  da muß ich jetzt einfach mal gegenhalten. Wenn man sich schon die Mühe macht, um Buchstaben in den Rechner zu tippen, könnte man ja wenigstes mal nach der aktuellen Platte und den Mitmusikern recherchieren, und sowas nennt sich dann Journalistin …

Gemeint ist Nils Koppruch, Musiker und Maler (SAM.) aus Hamburg/St. Pauli. Nils war von 1996 bis 2006 Kopf und Herz der Band FINK, die es im deutschsprachigen Raum zu latentem Bekanntheitsgrad brachten. Ende der ´90er Jahre  traten sie u.a. als Support von Lamchop, Die Braut haut ins Auge etc. auf und tourten mit Element of Crime.

FINK hat für mich bis heute Insider-Status, der große Durchbruch blieb leider irgendwie aus. Die FINKEN sind denn auch stets eigenwillige Wege abseits jeden Trends gegangen. Die Band hat unfreiwillig den Begriff des deutschen Country aufgedrückt bekommen, wobei man damit sicher andere Musik assoziert, als Fink sie spielte.  Zwar bedienten sie sich den im Country üblichen Instrumenten, entliehen sich auch textlich manches Lonesome-Cowboy-Bild.  Nils Koppruch und Andreas Voß habe sich stets gegen diese Kategorisierung gesträubt. Treffender erscheint da der selbstkreierte Begriff Folk noir.

Aus der gut zehnjährigen Schaffensphase FINKS entstanden sechs Studioalben. (1996 Vogelbeobachtungen im Winter, 1997 Loch in der Welt, 1999 Mondscheiner, 2001 FINK, 2003 Haiku Ambulanz, 2005 BamBamBam).
Nils selber nennt seine Musik heute „Großstadtfolk„.
Kleine Selbstvorstellung gefällig?

Nils Textstil ist unverwechselbar: lakonisch, skuril, makaber, teils düster, stets treffend beobachtend, manches Mal nebulös und mehrdeutig, dem Absurden zugeneigt, zwischen L(i)eben und Tod, aber auch warm, ehrlich und mit verstecktem Witz und Selbstironie. Für mich gehört FINKs Musik definitiv zum Sountrack meines Lebens, ich liebe die Sicht der Dinge, die Lakonie, den Blick nach außen wie nach innen.

Nils Koppruch war es auch, der 2006 beschloß, das das Projekt FINK keine Zukunft mehr haben könne: „vorbei ziehen die Vögel und die Zeit“. Alle Bandmitglieder waren neben Fink noch in weiteren Projekten eingebunden (was ja verständlich ist, wenn man materiell überleben will), um den Kern Koppruch/Voss gab es viele bandinterne Neubesetzungen, so daß Nils argumentiert Fink, als solche gab es nicht mehr.

Die Guillotine, die den Finken tötete, fiel wohl zwischen Herrn Voß und Herrn Koppruch.

2007 hat Nils dann den Teufel getan, will heißen, statt die Gitarre in die Ecke zu stellen begann er an einem eigenen Solo-Album zu arbeiten, das im April des Jahres unter dem Titel „Den Teufel tun“ erschien. Einige seiner ehemaligen Bandkollegen und die Sängerin Meike Schrader haben ihn bei diesem Projekt unterstützt. Sparsam instrumentiert, ruhig, entspannt, reflektiert, auf mutige Weise ehrlich und ernst. Man hört neben dem Verarbeiten einer gewissen Enttäuschung aber auch Neuorierntierung heraus. 

„Den Teufel will ich tun allein wenn nötig“ (Den Teufel tun)
„…das was man mich sehn läßt ist nur scheinbar und vielleicht und selbst die Lügen sind nicht echt und wer nicht lügen kann der schweigt – hier trennen unsre Wege sich, die Zeit ist mir zu knapp, ich muß raus in den Regen und dann wasch ich´s alles ab“ (Staub und  Gold)
„Egal wie kurz das Streichholz ist, das du gezogen hast, ein Feuer kriegt man immer damit an.“ (Nicht die Bienen).
„Noch nichts ist verlorn“

 

Den Teufel tun

Den Teufel tun - Illustration Natahlie Huth

Die Auftritte in 2007/08 hat Nils meist solo bestritten, manchmal unterstützt von seinem Bassisten Lars Paetzel, seltener mit weiblicher Stimme von Meike Schrader. Ich hatte das Vergnügen in 2008 bei drei Konzerten anwesend zu sein und war jedesmal sehr beeindruckt. Nils spielt Stücke aus dem gesamten FINK-Repertoire, nur mit Gitarre und Mundharmonika und ich habe die komplette Band nie wirklich vermißt. Jedes Konzert war anders, ein und derselbe Song variierte von Auftritt zu Auftritt, manche altbekannten Songs hab ich sogar ganz neu gehört oder in dem Moment erst komplett verstanden. Diese Live-Auftritte sind Handarbeit mit Liebe zum Detail.

Geschmacksache oder nicht, für mich ist der Nils Koppruch auf jeden Fall ein charismatischer Mensch, was man vielleicht übersieht, wenn man lautes Entertainment erwartet. Gerne streut er neben seinem musikalischen Programm eine gute Portion Irritation ins Publikum und würzt seine Auftritte mit Gedichten von Richard Brautigan, einem amerikanischen Schriftsteller der 60er Jahre. Haikuähnliche Sinnrätsel über das Leben, die widerhakige Grübelzirkel verursachen können – oder eben nicht.

 „Den Teufel tun“ ist in Kritikerkreisen sehr durchwachsen aufgenommen worden. Leider wird zu oft der Vergleich mit Fink oder sogar EoC bemüht. Nils solo ist anders, ernster. Für manche Kritiker schien das Album ein kompletter Flop, andere kürten es zum deutschen Album des Jahres, meist wurde es wohlwollend wahrgenmommen.

Mir persönlich erscheint die Platte ein wenig entschleunigt, sehr ruhig, etwas erstarrt. Nils hat sich bei der Produktion sicher auch vergegenwärtigt, daß er mit diesem Programm solo auf  Bühnen stehen würde und die Songs dabei so schlicht wie möglich belassen. Und an bestimmten Wendepunkten einem eben nicht unbedingt nach Witzigkeit. So mancher Kritiker hätte sich das aktuelle Programm jedoch live ansehen müssen.

Wer also die Möglichkeit hat, Nils Koppruch live zu sehen, gehe hin! Es sind stets stimmungsvolle Konzerte, bei denen man sich wünscht, dort ewig lauschend stehenbleiben zu können. Und das sage nicht nur ich.

Ich hoffe sehr, daß mit Nils Koppruch weiterhin „Den Teufel tun“ wird und wir uns auf weitere musikalische Projekte freuen können! Aktuell gibt es eine sehr vielversprechend klingende Kooperation mit dem deutschen Musiker Gisbert zu Knyphausen, der in 2008 einen rasanten Erfolgshype als Newcomer erleben durfte und seine Popularität u.a. dem Medium myspace verdankt.
Das gemeinsam aufgenommene Stück „Knochen und Fleisch“ ist anläßlich einer Kompilation zugunsten der Hamburger Obachlosen-Initiative „Hinz und Kunzt“ entstanden und auch auf Nils myspace-Seite zu hören.

Weitere Termine – Auftritte von und mit Nils Koppruch

15.01.09 Bremen, Lagerhalle, als Support für Gisbert zu Knyphausen wegen Krankheit verschoben

05.02.09 BERLIN, Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Str.30, Film: „Wasser und Seife“ von Susan Gluth mit Filmmusik von Nils Koppruch und anschließendem Konzert ((mein Bericht)

19.02.09 Foyer-Theater, AUGSBURG, Veranstaltung zum 111.Geburtstag B. Brechts, u.a. mit Nils Koppruch

22.02.09 Kaffee.Satz.Lesen, Baderanstalt HAMBURG

21.03.2009 Ersatztermin Lagerhalle BREMEN

26.03.2009 Pudelsclub HAMBURG, Buchrelease von MICHAEL WEINS, musikalisches Ständchen NILS KOPPRUCH

02.04.2009 Druckluft OBERHAUSEN

03.04.2009 Indiego Glocksee, HANNOVER

16.05.2009 Kulturladen KONSTANZ

t.b.c


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