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Apr
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Woven Hand @ Indra Hamburg

Konzertbericht siehe unten – english concert review at the bottom

© astrid mönch-tabori

Prolog

Anfang März schrieb ich einem Bekannten eine Mail. Ich hätte eine Band entdeckt, buchstäblich umwerfende Musik, die meinen kleinen musikalischen Kosmos wie ein Erdbeben erschüttert habe. Eine Woche später bebte die Erde in Japan dann wirklich. Seltsame Wortwahl, stelle ich rückblickend fest.
Und überhaupt. Wieso treffe ich auf diese Musik heute, wo die Band doch schon seit über 15 Jahren (früher 16 Horsepower) treue Fans besitzt und Kultstatus innehat, seit 5 Jahren unter dem aktuellen Namen WOVENHAND Alben produziert und im Jahrestakt durch Europa tourt? Wie oft schon hätte ich die Gelegenheit gehabt, sie in 50km Umfeld zu sehen und es hat mich nie interessiert? Wieso gerade jetzt?

An manchen Punkten im Leben trifft man auf Dinge oder Personen, die einen tieferen Sinn zu haben scheinen, auch wenn man sich der Bedeutung nicht unmittelbar bewußt ist. Die globale Apokalypse scheint anzurollen. Zunächst vor allem in Bildern von unfaßarem Leid und omnipotent entfesselter Destruktionskraft. Kräfte, die der hybriskranke Homo sapiens nicht begreifen kann/will, geschweige denn zu kontrollieren vermag. Ohnmacht, Angst, Trauer, Wut… ein Schluck aus dem Kelch, den wir alle gereicht bekommen. In gewisser Weise scheint dies hier (m)ein apokalyptischer Soundtrack dazu.

Als nicht-englisch-sprechender Hörer steht bei Wovenhand zunächst die Musik im Vordergrund und ist Auslöser der Faszination. Fesselnde, magnetische Rhythmen, hübsche, überschaubar-repetitive Melodiesequenzen, ein kosmopolitischer, epochenübergreifender musikalischer Horizont, eine kraftvolle Stimme in vielstimmingen Gesangparts. Aber Wovenhand ist nicht einfach gute Musik. Darin steckt eine dicke Packung Botschaft, mit der man sich spätestens bei Lesen der Booklets auseinander zu setzen gezwungen sieht. Denn Herzstück der Band ist David Eugene Edwards (DEE), der mit bitterem Ernst einen Auftrag verfolgt: spreading the gospel. Sein Bild vom Menschen ist kein sonderlich gutes. Seine Botschaft keine frohe. Die Menschheit ist verdorben und der Verdammnis geweiht. Er legt es uns mit all seiner stimmlichen und physischen Kraft nahe, die Botschaft der Bibel ernst zu nehmen, uns zu Jesus zu bekennen. Spätestens hier erreicht man als Hörer einen Scheideweg. Meinen nicht die meisten von uns, mit dem Kapitel (christlichem) Glauben irgendwie abgeschlossen zu haben? Wie geht man mit diesen Aussagen um? Kann man dabei mal eben locker Textzeilen mitträllern? Und wenn es nur wie ein erneutes Aufschlagen eines längst weggestellten Buches ist, hat diese Musik schon viel erreicht, finde ich. Love it or leave it!

Konzert

Das Indra ist ein kleinerer Club inmitten Hamburg St.Paulis hot spots Reeperbahn und Große Freiheit. Auf dem Weg zum Club durchquert man die Essenz der Amüsier-Gesellschaft. Eben noch über die Beine eines Obdachlosen stolpernd wird man fast vom Türsteher des nächsten Erotikkinos aufgefangen und mit Nachdruck ins Rotlicht eingeladen. Am Neonhimmel blinkt Klein-Las-Vegas. In einer Seitenstraße bestätigt die Heilsarmee „Jesus lebt“. Hier also werde ich mein erstes Mal Wovenhand erleben. Seltsam. Treffend?

Das Indra füllt sich bis 21:00 stetig, am Ende verfolgen 150-200 Hörer das Konzert. Die Bühne ist nicht hoch und nicht groß, aus der ersten Reihe könnte man David fast die Hand reichen. DEE nimmt gegen 21:20 seinen Platz ein und beginnt, kurz ins Auditorium nickend und ohne Umschweife das Programm. Tags zuvor war die Band beim Roadburn-Festival (beeindruckendes Video!) auf großer Bühne mit schönem Bühnenbild und Lichttechnik präsentiert worden. Hier fällt die Präsentation vergleichsweise bescheiden aus. Drei Lichter über der Bühne, ein einziger Spot beleuchtet David phasenweise, die begleitenden Musiker Ordy Garrison am Schlagzeug und Jeff Linsenmaier am Keybord sitzen im Halbschatten. David gibt Gas, wie man es wohl von ihm gewöhnt ist, aber er buhlt nicht um die Gunst des Publikums. Er ist sehr präsent, konzentriert, tief in seiner Musik, schuftet mit ganzen Pferdestärken. Einige Male erhebt er sich von seinem Hocker, richtet sich zu stattlicher Körpergröße auf und scheint in die hinteren Reihen des Club zu spielen. Seine Energie findet im Publikum aber nur punktuell Resonanz. Der Pegel des Befalls steigert sich zwar von Stück zu Stück, dennoch beschleicht mich der Eindruck, daß hier überwiegend konsumierende Zuschauer anwesend sind als begeisterte Fans. Ich für meinen Teil bin sehr begeistert und kann vor allem nicht still stehen. Es heißt, David schätzt es nicht, wenn Leute zu seiner Musik tanzen. Aber wie kann man sich dieser Wucht entziehen? Es kommt mir fast falsch vor, wenn dort vorne jemand schuftet wie ein Pferd und der Rest steht rein beobachtend davor. Schließlich ist dies keine Literaturlesung. Und peep-shows gibt’s ein paar Häuser weiter…

Nachdem „Winter Shaker“ verklungen ist geht die Band unter eingespielten indianischen Pow-Wow-Gesängen von der Bühne. Das Publikum stimmt jubelnd und applaudierend in die Klänge ein und nach wenigen Minuten kehren die drei zurück um „Off the Cuff“ und eine weitere Zugabe zu spielen. David erhebt sich schließlich, winkt und murmelt etwas über die Zuhörer hinweg. Nachdem sie die Bühne nun erneut verlassen, fordert ein Teil der Zuschauer zwar noch vehement nach weiteren Zugaben, doch der Clubchef beginnt bereits demonstrativ mit dem Abbau, so daß klar wird: das war´s. „Kurz und schmerzlos“ sagt jemand hinter mir. In der Tat sind die knapp eineinhalb Stunden vergangen wie gefühlte 10 Minuten.
Soweit mein erstes, aber sicher nicht letztes Wovenhand-Erlebnis!

Prologue

In early March I wrote an email to a friend, telling him I discovered a band who plays really staggering music, it had shaken my little musical cosmos like an earthquake. One week later this terribel earthquake hit Japan. In retrospect it seemed  to me a quite strange choice of words.

 But wondering in general: why did I come across this music just now, although the band has existed for nearly 15 years now, they have a considerable amount of loyal fans, and for the past 5 years have been producing amazing albums under the name WOVENHAND. They have been touring Europe on a yearly basis as well. How often could I have had the chance to see them in the next bigger town?

 There are times in life when certain things happen or you meet certain  persons, and it  seems to have a deeper sence, even if you aren´t concious of it at that time. A global apocalypse seems to be rolling up to us. First primarily in pictures of unimaginable suffering and  unleashed omnipotent destructive force. A force, that the so called homo sapiens who are sick by self-esteem can not and will not understand, or be able to control. Faint, fear, sadness, anger … just a sip from the cup that we all get served. In a special way this music seems to me my (an) apocalyptical soundtrack to the former disaster.

As a non-native –english speaking  listener the music for me is in the foreground of perception and the primary cause of fascination. The captivating rhythms, the amazing repititive melodic elements, a cosmopolitan and timeless musicial  horizon, a powerful voice in polyphonic sung parts. But Wovenhand means  not just good music. There is a big package of a serious message included, you are forced  to deal with, at least when you start reading the booklets.

Heart of he band is David Eugene Edwards, who pursues his  misson with deep seriousness:  spreading the gospel. His view of man is not a very good one. His message not happy. Humanity is corrupt and dedicated to damnation. David offers his listeners with his voice and physical power to concider seriously  the messages of the bible and to confess Jesus. At last at this point of listening you reach a crossroad. Do not most of us seem to have made up their opinion about consider christian believe? How do you deal with those statements, with words that come from a deep and passionate faith? Can you still simply lilt a song´s texts now? Even if it is just like opening a book again that you put on the shelf a long time ago this music has achieved a lot in my opinion. Love it or leave it!

 Concert

The Club Indra is a slightly smaller club in the region of Hamburgs hot spots Reeperbahn and Große Freiheit. On the way to the venue you have to walk along the essence of the pleasure-hungry-night-life-society. One moment you stumble upon the legs of a homeless, the next moment you are stopped by a doorkeeper of an erotic-cinema and he invites you emphatically to visit the red-light-shows. Looking  up into the sky full of flashing neon signs you feel like being in a tiny kind of Las Vegas. In a side street  the signature of the Salvation Army confirmes “Jesus lebt”. Well, here I´m going to see Wovenhand for the first time? Strange. Fitting?

Indra is filling up steadily up  to 21:00, at the end of the concert round about 150-200 listeners will be there. The stage is neither wide nor very elevated. People in the first row could almost shake David’s hand. DEE takes his place about 21:20, nodding briefly in the auditorium and starts  to play immediately. On the previous night  the band was presented at the Roadburn Festival ( impressive video!) on a big stage with a beautiful backgroundimage and lighting show. Today the manner of presentation is comparatively modest. Only three little, fixed lights over the scene, a single spot lightens Davids face time to time, his band members Ordy Garrison on drums  und Jeff Linsemeyer on keyboard and percussion are standing nearly in the shadow. David starts by  with full enery, the way it  might be expected from him. But he is not courting the favor of the public. He is very present, concentrated, deep in his music, with all the his „horsepower”. A few times he gets up from his stool, drew himslef to his stately height, and appears to play for the back rows of the club. His energy finds resonance in the audience, but only selectively. The level of approval increases from piece to piece, still the impression creeps to me that people here are mainly present as a consuming audience than as enthusiastic fans. What concerns me, I am very excited and above all  can not stand motionless. It is said David doesn´t appreciate the people dancing to his music. But how can you escape this enormous power of the music? It seems to me even wrong if somebody there in front is toiling hard like a horse and the rest is standing there and just watching. Finally this is no lecture of literatur. And peep-shows you may find some houses downstreet…

After “winter shaker” faded the band leaves the stage while native american pow-wow-music is played.  The crowd is cheering and applauding right into the sounds and after a few minutes the three musicians come back to play „Off the cuff“ and a further encore. David finally gets up, waves and  mutters something right over the audience. After they had left the stage once again, a part of the audience still called  for more encores vehemently, but the club owner  starts with demontage of the equipment demonstratively . So it becomes evident: that´s it. “Short and painless” somebody behind me says. Yes, indeed, this last hour and a half felt like only ten minutes had passed.

So far my first  – but for sure not my last Wovenhand experience.

 


5 Responses to “Woven Hand @ Indra Hamburg”


  1. 1 Alex
    17. April 2011 um 13:24

    Thanks for sharing 😉

    Alex

  2. 2 Alex
    19. April 2011 um 09:09

    Jaja, der Erstkontakt mit DEE übermannt jeden 😉

    By the way:
    Jeffs Nachname lautet richtigerweise Linsenmaier 😉

    Cheers,

    Alex

  3. 19. April 2011 um 09:45

    danke Alex! Hatte ich beim Korrekturlesen übersehen. Wenn du noch mehr Fehler findest, gerne melden!

  4. 4 Stefan
    19. April 2011 um 14:51

    Hallo Astrid,

    Ich danke dir erstmal für diesen erfreifenden Prolog..Ich empfinde Davids Musik als letzten Strohhalm hin zum Glauben. Es war ein Schlüsselerlebniss was mich damals zu seiner Musik führte. Ein Konzert seiner Band aus Ottersum letzten Jahres übertragen im WDR irgendwann Nachts.. Ich konnte nicht schlafen und hab es mir angesehen.. ich war von der ersten Minute an gefesselten von der Intensität der Worte der Musik und wieviel Emotion er in ihr zeigt. Ich fühlte mich derart aufgewühlt das ich hinterher auch nicht schlafen wollte, und erstmal das komplette Internet nach ihm durchforstet hab. Aber ich schweife ab.. Ich fühle mich immernoch ein bischen in Trance von dem Konzert am Freitag.. auch wenn es so kurz war.. so schnell vorbei.. und David kaum gesehen in den hinteren Rängen. Zum Glück bin ich nach dem Konzert noch da geblieben so konnte ich ein kurzes Gespräch mit Ordy und ein längeres mit Jeff führen. Es klingt undankbar aber was hätte ich nicht alles für ein Gespräch mit David getan was mich zu der Frage führt.. hätte ich mich überhaupt getraut und was hätte er gesagt zu meinem Alkoholischen Getränk in der Hand gesagt. Nun den bevor ich noch weiter mit Phrasen und unbedeutenden Sätzen um mich werfe höre ich lieber auf. Ich danke dir vielmals für die Fotos und deinem Eindruck zum Konzert

    Farewell

    S~J~P

  5. 19. April 2011 um 18:36

    Danke Stefan! – du hast Post 😉


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