28
Sep
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Schöftland @ Rubinrot Köln

Der Club-Name klingt flauschig-schwül, das Ambiente beim Betreten des Ladens mutet an wie die altmodische Dunkelkammer eines Fotolabors. Ein hot spot in Köln-Ehrenfeld sei das Rubinrot, belehrt man mich.  Die einladenden und überraschend hippen Sitzgarnituren im mittleren Teil des Clubs lassen kaum vermuten, was den Besucher im Hinterzimmer erwartet: ein Konzertraum, der eher wie eine für Bandproben leer geräumte Garage wirkt. Ein 30cm hohes Podest markiert die Bühne. Musiker überduchschnittlicher Körperlängen wie Phillip Süss oder Floh von Grünigen duschen förmlich unterm Licht der tiefhängenden, nervös blinkenden Scheinwerfer. Die Bühne bietet geringfügig mehr Platz als der vor der Tür geparkte Tourbus. (Oha, wispert die Skepsis).

Die Bühne ist bereits dicht bestückt mit Instrumenten, Mikroständern und Hockern, doch für eine Kiste Band-Bier findet sich auch noch ein Winkel. Nach dem die Getränkeversorgung sichergestellet wäre, beschließt Phillipp Süß als Trio in Begleitung des „Absoluten Gehirn“s dem Warten auf weitere Publikumsmassen ein Ende zu machen.

Phillip Süss an der Akustikgitarre haut seine Songs raus, als gäbe es kein Morgen. Seine stark rhythmusdominierte Begleitung in Form von Schlagzeug und E-Bass erschlagen dabei seine Stimme, die nicht immer ganz auf dem Ton sitzt. Leider geht auch viel von den guten Texten der Songs wie „Man soll sie feiern, wie sie fallen“, „Knietief im Sommer“ oder „Zu wahr um schön zu sein“ unter, die statt rauhbeinig eher lyrisch wirken könnten.  Den Auftritt bei 2.Schlaraffentag in Köln, wo Phillip als Duo in Begleitung mit Bratsche auftrat, war mir positiver in Erinnerung.

Eine Umbaupause brauchte es nicht, Schöftland ließen das überschaubare Publikum nicht lange warten. Floh von Grünigen macht keine langen Ansagen, eher die kürzest möglichen Pausen zwischen den Songs. Er erwähnt zu Beginn allenfalls schnell: „Wir sind Schöftland aus Bern“. Mit den ersten Takten steht der schlichte Raum plötzlich unter Spannung. Die Band treibt mit „Der Sturm“, „Dass ich schlief“, „Das Biest“ und „Der Schein trügt“ voran. Vom befürchteten Garagensound weit entfernt (Die Skepsis ist längst davongeschlichen). Es gibt keine Stimmpausen, die mit Anekdoten gefüllt werden müßten, kaum ist ein Song beendet, der Applaus noch nicht verklungen, geht es zum Teil nahtlos und sportlich über ins nächste Stück.  Der stetig wachsende Energielevel, den Floh für die ganze Band antreibt sinkt nicht mehr. Floh taucht ab in den Songs, ist sehr vertieft.  Der Funke Begeisterung ist längst auf die Zuhörer übergesprungen. Jedes Stück erntet begeisterten Applaus und Jubel. Jeder Ton, jeder Takt sitzt perfekt.  Der vielschichtigen Sound des Albums „Der Schein trügt“ wird live in bester Qualität auf die Bühne gebracht. Stefan Rolli schafft mit dezentem  Saxophon und Synthesizer Klangebenen, Sascha Mathys spielt excellent die Leadgitarre, Kaspar tauscht jazzigen Kontrabass und e-Bass , und Patrik Zosso (?) trommelt die teilweise gegenläufig und ungewöhlich synkopierten Rhythmen. Auch die älteren Stücke der EP „Nur Touristen“ füllen das Programm, weiterhin „Blaulicht“, „Kommst um zu gehen“, das wunderschöne „Komet“ und der Klassiker der Band: “ Bademeister“.

Natürlich dürfen die Jungs nicht einfach so gehn, das geht nicht! Und wo sollten sie auch hin – ohne  Backstageraum? Da hilft nur die Flucht zurück auf die Bühne und der Aufforderung „… nochmal von vorn!“ zumindest mit Zugaben zu begegnen. Ein fulminantes Highlight zum Abschluß bildet das Cover von „Sommertag“ aus der Feder des Freundes und Kollegen Gisbert zu Knyphausen. Mit „Liebesbrief“ und „Nur Touristen“ beenden die Berner das Konzert, denn „viel mehr können wir gar nicht spielen“ beteuert Floh bescheiden.

Aber bitte: Dieses Konzert hätte nicht 30 sondern 300 Zuhörer verdient. Was dem kleinen Publikum geboten wurde war Präzisonsarbeit einer perfekt zusammen gewachsenen Truppe auf höchstem Niveau.  Bis zum 01.Oktober sind die Schöftländer noch in Deutschland auf Tour.

Dringende Empfehlung: Muss man gehört haben!

Zeitlich passend zur Tour wurde auch gerade das neue Video zum Album-Titelsong „Der Schein trügt“ veröffentlicht.


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