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Sep
10

Daantje und Olli Schulz – LoFinesse zu Dramaturgie in Töpfen

Am 17.09. spielten Olli Schulz und Daantje and the golden handwerk (alias Joachim Zimmermann) im MUK Gießen ihr letztes gemeinsames Konzert, bevor Olli Schulz seine Solo-Tour mit Support Walter Schreifels fortsetzte, während Daantje wieder die Heimatstadt Stuttgard ansteuern würde.
Olli Schulz, dessen Lebenslauf sowohl hinter als auch vor der Bühne genug Stoff für unterhaltsame Memoiren liefern könnte, stellte seinen Support Gast Daantje zunächst persönlich vor. Es sei der letzte gemeinsame Konzertabend, den die beiden anschließend in der Badewanne des Hotels gemütlich ausklingen lassen würde, witzelte Olli und überließ seinem Kollegen damit die geräumige Bühne, deren Deko aus vier Barhockern und einer aufblasbaren Plastikpalme bestand.

Beim zaghaften Zwiegespräch zwischen Sänger und Publikum stellte sich heraus, daß man bereits in der Vergangenheit das Vergnügen hatte, Daantje in Gießen zu erleben. So zollten die ersten Reihen des Publikums dem Vortrag auch gebührende  Aufmerksamkeit. Musik als goldenes Handwerk zu bezeichnen entbehrt natürlich nicht einer guten Portion Zynismus, aber das Gold in Daantjes Songs zu finden braucht „nicht viel“. Grundvorrausetzung natürlich: ein aufmerksames Ohr. Als überzeugender Vertreter der LoFidelity reichen Daantjes akustische Gitarre, ein Kapo und ein paar gezupfte, schöne  Akkordfolgen, um das Wesentliche eines Songs aufzubauen. Ein eingängiger Puls durchzieht seine Stücke rhytmisch-hypnotisch. Mit klarer Sprache, schnörkellosem Gesang und manchmal auch recht schrägen, symbolhaften Bilder beschreibt Daantje melacholisch Situationen des Lebens und der Liebe.  Der sympathische Stuttgarter nimmt sein Publikum mit in den Keller zu swingenden Türen, „auf die Reise“ in den Bus, oder ist auch schon mal mit der Asche der Mutter unterwegs durch die ungläubige Welt.  

Spätestens als Daantje „Wer du bist“ ankündigt wird die Aufmerksamkeit nochmal spürbar. Das Stück kennt man auch aus dem Repertoire des Durchstarters Gisbert zu Knyphausen, der es sich als Cover bei Daantje quasi auslieh.

Dialog, der sich vor Liedbeginn entspann: Zuhörerin: „Ein MUSS“  Daantje:“ ein WAS?“ Sie: „Ein Muss, das Domizil (Club in GI)“  Daantje:“Ich verstehs nicht richtig, das diskutiern wir nachher aus, wenn ich die Ohrstöpsel draußen hab“

Und einen neuen Song namens „Der König“ durften wir Probehören, der Song wird auf der nächsten CD erscheinen.

Als Olli Schulz nach kurzer Pause die Bühne berat, hatte sich das MUK gut gefüllt, mindestens 100 Zuschauer erlebten nun ein Konzert der unterhaltsamsten Art. Auch Olli Schulz hatte außer seinem umfangreichen Anekdotenschatz nur seine Gitarre im Gepäck. Einen Abend mit Olli detailgetreu wiedergeben zu wollen würde alle leserfreundlichen Rahmen sprengen. Dieser Mensch schießt mit Stories nur so um sich, reagiert spontan auf jede Situation, die das Publikum anbietet und improvisiert ständig. Nach wenigen Songs erklärt er auch seine Unterhaltungsstrategie mit weit ausholender Geste: „Man muß das Publikum nehmen und in Töpfe tauchen. Erst in den fröhlichen Topf, dann wieder raus und in den traurigen Topf und so weiter…“ oder auch: “ Man muß das Publikum zerstören und dann langsam wieder aufbauen. “ Das Publikum macht das natürlich gerne mit. An diesem Abend sprüht Olli vor Unterhaltungsgabe, Songs und mindestens genauso viele Geschichten zu deren Entstehung lassen  zwei Stunden wie im Flug vergehen. Fast scheint es, als sei Olli selber, gerade so gut in Schwung, garnicht mehr zu bremsen. Es wechseln Pop-Songs mit Lachnummern, bissige Geschichten mit ernsthaften Liedern. Zwischendrin auch mal Seitenhiebe auf  die Band „Rammstein“. Wo soll man all das musikalisch einordnen? Vor dem Versuch, seine Songs stilistisch in Schubladen stecken zu wollen, hüte man sich besser. Man läuft sonst  Gefahr, wie einer jungen Journalistin im Interview widerfahren, mit dem den Satz: „Halt die Fresse, krieg´n Kind“ abgewatscht zu werden. Ja, dieser Mann kann auch mal gefährlich werden und scheut bei Bedarf nicht davor zurück, lästige Konzertbesucher handgreiflich zu entsorgen. Keine Anekdote, wirklich so passiert. Zum Glück aber nicht an diesem Abend.

Im ersten Konzertteil hatte Olli noch scherzend behauptet „ich nehm euch mit auf einen Trrrrip. Ihr werden euch nachher alle ausziehen und wir werden hier eine wilde Orgie feiern… aber erst nach 90 Minuten.“ Nungut, erleichtert war festzustellen, daß sich unsere Kleidung doch noch am rechten Platz befand. Bestens unterhalten haben uns die Herrn Schulz und Zimmermann dennoch.

PS: Szenen aus der Hotel-Badewanne sind bislang nicht im Netz aufgetaucht.


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