18
Aug
10

„Caruso“ oder eine Geschichte über das Ankommen

Nils Koppruch - CARUSO

Am 13.08.2010 erschien CARUSO, Nils Koppruchs zweites Solo-Album bei Grand Hotel van Cleef.

Die musikalische Experimentierfreude, die FINK-Alben reizvoll machte, ist nach dem recht schlichten Vorgänger „Den Teufel tun“ wieder erwacht. Ein prachtvolles Bukett erlesener, akustischer Instrumente rankt sich um den gewohnt schnörkellosen Gesang. Wo dunkle Lyrik Szenen skizziert, tupft die Musik Farben. Dank vieler hilfreicher Hände schöpft Koppruch aus einem Instrumentarienschatz mit folk-klassischer Schönheit. Zwischen wehmütig-warmen Cello schluchzen die Geigen, ein hibbeliges Banjo tanzt zwischen satt-swingender Bass und pointierter Percussion, das Pedal Steel singt hingebungsvoll, freche Bläser heizen augenzwinkernd dem Liebestaumel ein, eine heisere Tom-Waits-Gitarre tönt und das Piano hat den Blues. Die geliebten Schrulligkeiten, Irrwege durch Sinn und Sein, schwingen ein Tanzbein mit der guten Portion Liebe, einer Prise Humor und manchem Ohrwurm. Brillanter hat Nils Koppruch nie geklungen.

„Die Tür schlägt zu, man dreht sich um und kommt nicht wieder rein.“ Das Album beginnt mit einer Situation, die durchaus eine Filmszene sein könnte. An dieser Stelle nimmt die Reise des „poor boy“ (Armer Junge weint, armes Mädchen auch) ihren Lauf durch den Koppruchschen Kosmos. Es ist ne sonderbare Welt, aber Koppruch suhlt sich nicht in seinem Leid, wie es in mancher Songwriter-Depression gerne zelebriert wird. Neben aller Verzweiflung, stehen immer auch tröstende Bilder wie: „der Löwe liegt beim Lamm und ich allein wär tausend Mann“ – ein schon durch die Alliteration verbales Sahneschnittchen, das ein traumartig-wohliges Gefühl von Idyll und Frieden zu zaubern vermag.

Wir folgen dem Protagonisten weiter in triste Backstageräume und ziehen Resümee unter enttäuschende Beziehungen. An einem Tiefpunkt, wo andere sich aufgeben, sieht Koppruch den vielleicht einzig möglichen Weg: den Blues aushalten und weitermachen, die Nadel im Heuhaufen suchen, den Sprung über den eigenen Schatten wagen. Selbst im tristen Blick auf den erfolglosen Musiker steht die abgeklärte Erkenntnis: „Du kannst das Tier zum Brunnen bringen, doch kannst du´s nicht zum Trinken zwingen.“ Auch in älteren FINK-Texten gab es Zeiten, wo man mit dem Gesicht zur Erde lag, doch die Richtung kam von vorne entgegen. Wir beobachten hier aber keine Vögel im Winter, sondern spüren den Sommer auf der Haut. „Kirschen gibt´s an Sommertagen, nur solang die Bäume tragen …“ Also hebt man erkenntnisgereift besser den Kopf. Vielleicht fällt der Blick auf einen Kirschbaum am Straßenrand, der gerade reich trägt, und der Weg geht sich wieder ein Stück wie von selbst. „Weil´s möglich ist“  und der Henker macht ja auch nur dann den Knoten, wenn man ihn läßt.

Begleitet von Gisbert zu Knyphausen reitet der „poor boy“ weiter durch die Steppe mit „Der Aussicht“ auf silbrige Horizonte, die schließlich das Pferd am Laufen halten müssen. Man schlendert etwas ratlos-verkatert über den „Hamburger Berg“ und macht einen romanzenhaften Abstecher ohne Worte nach „Wien“. Eingeblendet sind chronologisch unabhängige Momente: verrückte Bilder von gefühlter Sturmflut und Inferno, wenn die Liebe zündelt aber auch die sehr plastisch erzählte Erfahrung tiefer Existenzkrise, wenn die vertraute Welt scheinbar fort gespült wurde. Vielleicht weil der Mensch fehlt, der mir von mir erzählt? Die Beziehung zum Du nimmt in den meisten Songs eine latente Rolle ein. Aber dies zu beschreiben erscheint auch Koppruch unmöglich, denn „Kein einziges Wort reicht so weit“.

Was auch immer in dem Brief stand, der lieber ungelesen bleiben sollte: Am Ende des Films stellt Regisseur Koppruch den „armen Jungen“ wieder vor eine Tür. Wir ahnen: „Alles kommt in Ordnung“, denn sie wird sich öffnen. Es ist eine musikalische Geschichte über das Ankommen.

Titelliste CARUSO (Dauer 43:26 min)
1. Armer Junge weint, armes Mädchen auch
2. Caruso
3. Kirschen (Wenn der Sommer kommt)
4. Wort im Wasser
5. Die Aussicht
6. Verrückt vor Liebe
7. Hamburger Berg
8. Wien 91/5
9. Weil´s möglich ist
10. Wissen mußt du es doch
11. Vergessen was ich wußte
12. Stadt in Angst

Foto © Andreas Hornoff

Tour: Ab dem 03. Septmeber wird Nils Koppruch mit seiner Band (Christoph Kähler, Lars Paetzelt, Oliver Stangl) in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs sein (Termine). Begleitet wird er dabei von dem Cellisten Hans Wagner, Teil der Band Neuschnee und des Wiener Duos Das trojanische Pferd.
Weiterhin spielt Nils Koppruch als Support im November für Gisbert zu Knyphausen. (Termine)


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