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09

Gisbert zu Knyphausen mit LICHTER im Kult41 in Bonn 25.02.2009

 

Der krönende Abschluß einer „kleinen“ gemeinsamen Tour!

19:22 Uhr: Im Hinterhof vor dem Eingang des Kult41 hat sich bereits eine beachtliche Schlange gebildet. Minuten später füllt sich der Hinterhof fast bis zum Tordurchgang. Als ich meinen Obolus an der Kasse leiste, werde ich mit Strich No.71 in die Anwesenheitsliste aufgenommen und schätze damit zum ersten Drittel der Besucher zu zählen. Beim Eintrittspreis stutze ich – das ist das preisgünstigste Konzert, daß ich in den letzten zwei Jahren besucht habe, wo kann man Eintritte heute noch aus dem Kleingeldfach seines Portemonnaies bestreiten? – hinter mir kommentiert jemand den Preis: „Der gute Mann hat zu wenig Selbstbewußtsein.“ Das Publikum gemischt, übwerwiegend studentisch, altermäßig zwischen 20 und 30. Der Saal füllt sich stetig, grob geschätzt 150-200 Leute bevölkern die Räume.

Äußerst pünktlich um 20:00Uhr betritt Gisbert die Bühne, stellt sich kurz vor und legt ohne Umschweife los. Kennt man ja, bloß nicht lange reden. Der Blick ins „Spieglein, Spieglein“ eröffnet den Abend. Es folgen Flugangst, Erwischt. Und das „alberne“ Cowboy-Lied.

Dies ist mein drittes Gisbert-Konzert, aber das erste „unplugged“. Genau darum bin ich hier, um Gisbert pur an der Gitarre zu erleben. Und genau das habe ich bekommen. Den ersten Teil des Abends bestreitet er allein an der Western-Gitarre. Und er beherrscht das Instrument souverän, selbst wenn man das Album noch im Ohr hat, wird die Band nicht wirklich vermißt. Gisbert zupft klassisches Fingerstyle durch feine Harmonien, pflügt durch die Lagen oder haut den Rhythmus aus den Saiten, daß es rockt. Der Bühnenhintergrund tiefschwarz, davor der Mann mit Gitarre in mattem Schweinwerferlicht – ich fand´s perfekt. 

Gisbert zu Knyphausen "unplugged"

Gisbert zu Knyphausen "unplugged"

 

Gisberts Bühnenpräsenz ist immer ein Spagat zwischen Verlegenheit und Explosion. Er geht auf in seinen Liedern, lebt minutenlang in ihnen. Die Songs bauen sich auf, Gisbert gibt Gas, legt mit geschlossenen Augen alle Energie hinein, man spürt Wut, Trauer, Depression, Verzweiflung, Leidenschaft, Liebe, Gänsehaut – er gibt alles, singt, schreit, mancherorts fühlt man sich fast an eine Variante von Joe Cocker erinnert – und dann wird es meist still, ganz still, vorsichtig werden die Augen geöffnet – das Publikum ist noch da, ach stimmt, da war ja auch noch Publikum, ja und weil das Reden so furchtbar anstrengend ist lieber schnell weiter in den nächsten Song abtauchen.

Nicht jedes Publikum dankt diese Reserviertheit. Die Stimmung im Kult41 war sicher gut, bis zum Ende der ersten Hälfte wurde gespannt, aber ein wenig verhalten gelauscht.

Mit Verweis auf das nächste Album spielt Gisbert ein neues Lied, es handelt von einer selbstzerstörerischen Katastrophenbeziehung. Ein wortspielendes Textfragment ist bei mir hängenblieben: „Diesmal nicht: und wir driften mit gebrochenen Knochen durch die Wochen und hoffen wir kommen nirgendwo an.“

Kleines Konversationsintermezzo:

„Alles gut soweit bei Euch?“ Publikum stimmt zu. „Bin etwas müde. Wir sind unendlich viel Auto gefahren. Und hatten Schnee, viel Schnee. Wir haben nette Österreicher kennengelernt. Das war schön. Und nicht so nette. Das war auch schön. Mit Lichter war es auch schön. (lach) Nein ich mein das ernst! Weiß man bei mir ja nie so ganz.“

Es folgten:
Der Blick in deine Augen – Kleine Ballade – Sommertag – ein neues Lied – Melancholie – Gute Nachrichten – Hurra Hurra so nicht – Seltsames Licht (ebenfalls ein neues Stück, sehr traurig, über den Tod und Abschied von einer Frau, wobei in den Bildern sowohl Freundin als auch Mutter zu finden ist). – Verschwende deine Zeit.

Um vorzeitigen Begeisterungsstürmen vorzubeugen kündigt Gisbert dann LICHTER an „zum rocken und poppen“ und versprach, daß das Konzert mit gemeinsamen Stücken beendet würde.

20:50Uhr bis 21:05Uhr kurze Pause.
Von der Band LICHTER kannte ich bisher nur ihre MySpace Seite und meine Vorbehalte gegenüber elektronischer Musik. Lichter das sind: Mathias Mauersberger – Stimme / Gitarre, Judith Hess – Neubesetzung für Keys- Posaune – Stimme, Philipp Gosch – Bass, Claus Schulte – Drums.
Der erste akustische Eindruck waren stimmungsvoll eingesetzte Disharmonien des E-Pianos, ein Klangteppich aus Keyboard und E-Gitarren, synkopierende, gegenläufige Rhythmen und druckvoller Bass, eine Stimme die von der Tonhöhe ein wenig an Sterne-Frontmann Frank Spilker erinnert, der Gesang bleibt meist kühl erzählend, auch mit gelegentlicher Kopfstimme wirkt er nie übermäßig emotional. Die eingewobenen, teils mehrstimmig gesungenen Melodielinien bleiben nachhaltig im Ohr.

Lichter

Lichter

 

  

Lichter - Mathias Maurenberg

Lichter - Mathias Mauersberger

Inhaltlich umkreisen die Texte, soweit ich das beurteilen kann, meist die persönliche Orientierungslosigkeit, Zerrissenheit, Flucht in oder aus Beziehungen. Die Musik spiegelt die Stimmungen von Zerrissenheit und Unruhe gut wieder, ohne ins Anstrengende abzurutschen, alles bleibt doch unterhaltsamer und tanzbarer Indie-Pop.
Ob es nun gewollt war oder an den gegebenen Bedigungen lag, ich fand den Bass ein wenig zu dominant, die Artikulation der Stimme hätte hingegen besser sein können, aber das wär auch schon das Einzige, was ich als Kritik anführen würde.

Die Setlist kann ich wohl nur fehlerhaft und unvollständig hier einbauen, weil ich eben nicht alle Stücke der Band kenne. Als da waren:
Hurra hurra – Uns – Leerer Raum – „Mein schönes Leben zuhause“ – Unter Tieren (ein Stück, das sich episch ausbreitet, Judith Hess spielt sanfte Posaunenklänge, sampelt und loopt diese, verschafft dem Sound orchestrale Dimensionen. – Amphetamin (sehr schön abgestimmtes Solo zwischen Judith und Mathias am Ende des Stückes mit Keys und Gitarre „Du weißt all unsere guten Momente sind auf Zeit und alle nur geliehn“).- Ein Platz, der uns gehört.

Zwischendurch gibt’s dann noch ein kurzes Dankeschön an Soundmeister Christian Schneider („der selbst aus den schlimmsten Anlangen noch was tolles zaubert“) und Multitasking-Talent-Orga-Merchandise-Verträgemacher-Preisboxer Jan XY?.
Es folgen Radar (auch hier füllig ausgebreitet „Wir waren nie wirklich hier und wir verwischen alle Spuren“) – und das Cover von Gisberts „Spieglein,…“
Einem offenkundig stringenten Zeitplan unterworfen, mußten die LICHTER ihren Part dann gegen 22:00 Uhr beenden. Die Stimmung war mitterlweile sehr gut, es wurde getanzt und begeistert applaudiert. Wahrscheinlich leidet das Kult41 unter der harschen Diktatur lärmempfindlicher Nachbarn, der Zettel am Eingang, „Bitte leise rauchen“ war nicht wirklich als Witz zu verstehen.

Den Höhepunkt des Konzerts „mit allen Stars“ (Zitat Gisbert) bildete dann die letzte gemeinsame halbe Stunde.
Ganz famos und sehr stimmungsvoll kam das Lied „Leerer Raum“ rüber, in Gisberts Version, von dem ich einen kleinen Videoausschnitt machen konnte. Okay, Bild schlecht, Ton passabel, aber er fängt die gespenstische Stimmung doch ganz gut ein.

 Es folgte So seltsam durch die Nacht (hier hat mich der Wawa-Effekt, den Gitarrist Mathias einbaute eher gestört, aber das Verschraddelte hat natürlich auch was und paßt gut zum Taumel des Liedes). „Neues Jahr“ war dann mein persönlicher Höhepunkt des Konzerts, das Zusammenspiel war harmonisch-perfekt und es entstand wirklich ein Gefühl von „tiefer, tiefer, tiefer ins Glück“!
Letztes Stück „Herzlichen Glückwunsch“. Auch hier war nochmal eine uhrwerkartige Harmonie aller Musiker zu spüren – es hat irgendwie alles gepaßt und das ist schließlich auch beim Publikum angekommen.

all together now

all together now

 Als einzige Zugabe gab´s ein Cover-Stück „Jeder geht allein“ der wunderbaren Kieler Band „Staring Girl“ (reinhören, wer Nils Koppruch /Fink oder Element of Crime mag findet hier Gefallen) aus dem mich diese Textzeile anlächelt:
Du fährst Fahrrad ohne Bremsen und ohne Licht,
ich hab gemerkt, ich kann das nicht.

Um 22:30Uhr musste wohl dringend Schluß sein, aus o.g. Gründen, sonst hätten wir sicher noch länger dem Ergebnis einer erfolgreich aufkeimenden Musikerfreundschaft lauschen können – und wollen!

 Fazit: Ein krönender Abschluß der siebentägigen Tour durch Österreich und Deutschland. Bekehren wird mich LICHTER nicht zum ElektroSound, aber dies ist eine musikalisch wirklich vorzügliche Kombo, die gekonnt Klangbildern malt und mit ihnen spielt.

lichter1

LICHTERS Debüt-Album, erschienen 22.03.2008

Feierabend

Feierabend

leise rauchen
leise rauchen

 

Kommentare, Korrekturen und Feedback willkommen!


2 Responses to “Gisbert zu Knyphausen mit LICHTER im Kult41 in Bonn 25.02.2009”


  1. 1 MoiLeRoi
    27. Februar 2009 um 22:13

    Hi, Du hast nicht zufällig ein Video von Gisberts Version von „Jeder Geht Allein“ von Staring Girl?
    Fand das Lied ganz wunderbar…

  2. 28. Februar 2009 um 02:58

    Hi MoiLeRoi! Leider nein. Da kann ich nur auf die MySpace-Seite von Staring Girl verweisen.


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