28
Nov
08

Master of Sampling and Looping – Mark Gillespie Duo live

Mark Gillespie ist ein ear-catcher. Was mich damals vor etwa zehn Jahren im Selterweg in Giessen magnetisch anzog und auf dem Asphalt festgenagelt hat, waren seine rauchig, soulige Stimme und der Groove. „Herr Petermann“ und Mark waren derzeit oft in dieser hessischen Metropole, in der ich auch mal studiert hab, anzutreffen. Als Busker, zu deutsch Straßenmusiker, muß man spontan sein, flexibel und erfinderisch. Wer Mark je auf den Pflaster deutscher Fußgängerzonen erlebt hat, weiß, daß Herr Gillespie mit diesen Eigenschaften gesegnet ist. Aus einer Situation wird eine Anekdote gezaubert, ein Witz entsteht und wird im Laufe einer Show immer wieder aufgegriffen oder in einen Song eingebaut und wächst. Wird sozusagen geloopt.

Womit ich beim Stichwort wäre. Mit einer Roland Drummachine und Loopstation zaubert Mark Effekte, spielt erst groovige Rhythmen, dann Stimme und vokalartistisches Beatboxing ein, sampelt sich selbst, läßt damit seine multiinstrumentale Begleitung entstehen, singt darüber neue Parts, so daß man schließlich mit geschlossenen Augen meinen könnte, Mark mulipliziert sich auf Bandgröße. Da die Zuhörer die Enstehung eines Sounds stets nachvollziehen können, ist diese technische Finesse also sehr transparent. Aber selbst wenn man versteht, wie Mark diesen Sound gerade aufgebaut hat, entwickelt man großen Respekt für seine Virtuosität, diese Samples und Loops „on the fly“ aufzunehmen, einzubauen und gezielt abzurufen.

Tom Drost und Mark Gillespie in der Harmonie Bonn

Tom Drost und Mark Gillespie in der Harmonie Bonn

Gestern, am 27.11. 2008 war Mark Gillespie zusammen mit Tom Drost zu Gast in der Harmonie in Bonn. Sein erstes offizielles Konzert in dieser Stadt, abgesehen von einem kleinen Auftritt in der Bonner Innenstadt, im September. Ich kam um halb acht in Bonn-Endenich an und hatte ernstlich Probleme, einen legalen Parkplatz in Fußnähe der Frongasse zu finden. Beim Betreten der Harmonie ahnte ich dann, woher der Platzmangel rührte. Der Laden war VOLL, nicht die Kneipe im vorderen Bereich, nein –  der Konzertsaal inclusive Empore! Etwa 200 Leute hatten den Vorzug, Mark und Tom frontal zu sehen, weiter 100 standen im Thekenbereich und konnten über Profilansicht oder Videomonitore dem Konzert folgen. Für mich, als 64zoller war gerade noch Raum genug, einen Platz in der 3. Reihe vor der Bühen zu sichern. Hatte sich also in meinem langjährigen Gillespie-Vakuum der Bekanntheitsgrad beeindruckend erweitert! Anwesend war keinesfalls nur studentisches Pubikum, das Durchschnittsalter lag eher bei etwa 30 (edit: oder doch 40?).

Das Konzert begann recht pünktlich um 8 nach 8. Ein paar Worte muß ich seinem aktuellen Duo-Partner Tom Drost widmen: Bestückt mit einer Querflöte, einem gewinnenden Lächeln und aufmerksamen Augen wäre er im good guy-bad guy-Drehbuch sicher der Gute. Besagtes Lächeln und seine eloquente, sympatische Art haben ihn auch zum Chefverkäufer am Merchandising-Koffer gemacht, ein schickes Teil (der Koffer 😉 ) mit Videomonitoren auf denen eine Live-Sequenz von Mark´s DVD läuft. Toms Querflöte ergänzt sich gut mit Marks Repertoir. Umspielt, schmeichelt, begleitet die Songs, groovt und tanzt mit ihnen. Tom spielt virtuos, entlockt dem Instrument Klangfarben von sattem Sound bis percussion-ähnlichen Beats. Sein Glanzstück ist sicher „Locomotive Breath“, im Original von Jethro Tull. Dieses Stück singt Tom, der seine Stimme sicher nicht verstecken muß.

Daß Mark seine Set-Liste vergessen habe, hielt ich zunächst für einen Scherz. Braucht ein so spontaner Mensch eine Setlist?  Wie auch immer, ich hab alles notiert, Mark, solltest du hier reinschauen, das waren eure Songs der ersten Halbzeit:

  • Ain´t No Sunshine (Bill Withers)
  • Shape Of My Heart (Sting)
  • So Damn Young (Gillespie)
  • Locomotive Breath (Jethro Tull)
  • It´s Probably Me (Sting)
  • Don´t Mess Around (Gillespie)
  • Tears in Hessen Heaven (Eric Clapton)
  • Nach etwa 20minütiger „Zwangspause“, weil vom Veranstalter gewünscht – jedoch auch für den CD-Umsatz förderlich – ging es um 21:35 weiter.

 

  • Give It time (Gillespie)
  • Mindless People (Gillespie)
  • Daydreamer´s Son (editiert) (Gillespie)
  • Chasing Cars (Snow Patrol)
  • Boat On The River (Styx)
  • I Miss My Mommy (Gillespie)
  • Supersonic Sunday (Gillespie)
  • Dummy (Portishead-Cover) – „I wanna be a woman…“ „what !?“ *lol*
  • Zugaben: Wish You Were Here (Pink Floyd)und Light at The End (Gillespie)
  • Soweit das grobe Gerüst, wobei minutenlanges Improvisieren, unterstützt von Toms Querflöte das Programm wesentlich vielfältiger gestaltete, als man es hier wiedergeben könnte.

 

 

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Zwischenduch ein lockerer Ballwechsel an Jokes, doch wirkte der multitasking-talentierte Mark – The Master of Sampling and Looping – auch stets hochkonzentriert auf seine technischen Begleiter, die verkabelt mit seiner Gibson-Gitarre, auch Geigen und sonstige Sounds kreieren konnten. Mark läßt beliebige Rhytmen entstehen, sogar das „Gupfgumpfgumpf“ von Techno-Beats, und witzelt kopfwippend darüber: „Ich könnte das stundenlang tuen … ohne zu Kotzen.“ Nagelneu in der „Bandbesetzung“ war wohl das schwarzblau-glänzende Gerät im Hintergrund der Bühne, das mich entfernt an unseren entsorgten Elektrogrill mit Haube erinnerte, das aber dazu bestimmt war Töne einer Steeldrumkombo zu erzeugen. 

Das Publikum war begeistert und wir hätten sicher auch noch weitere Zugaben bekommen, aber der Veranstalter drängte scheinbar auf ein pünktliches Ende um 23:00Uhr. So wurde denn das wunderschöne Stück „Light at the End“ auf eine Strophe gekürzt und zügig beendet. Schade, die beiden hätten, gemessen an der Stimmung, sicher noch ein paarmal auf die Bühne gemußt.

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Zeitweise wirkte es aber auch, als beanspruche die Technik sehr viel Aufmerksamkeit. Tom, der mit seiner Flöte locher vom Hocker, ohne jede Verkabelung und Fußpedale spielen konnte, wirkte sehr entspannt und hat vielleicht mehr Eindrücke vom Pubikum mitgenommen. Machte ihn doch Marks Spielfreude an der Technik teils zum Statisten. Aber er läßt Master Mark dann mal machen, lächelt und trinkt derweil sein Bier.

Für mich bleibt der Eindruck eines musikalsch originellen Konzerts zweier Musiker, die improvisationsfreudig und augenzwinkernd genau das tun, was ihnen Spaß macht: verdammt gute Musik. Und meine CD-Sammlung ist auch um drei Scheiben gewachsen.

Linktips:

Mark Gillespie auf myspace
Mark Gillespie Forum
Mark Gillespie Videos auf YouTube
Mark Gillespie & Thomas Drost Support auf myspace


3 Responses to “Master of Sampling and Looping – Mark Gillespie Duo live”


  1. 1 Hennes2000
    30. November 2008 um 01:15

    Wirklich schöner Bericht über einen wirklich schönen Abend. Würde bei ein paar Daten zwar Korrekturen anmerken wollen (die Besucherzahl war offiziell [Tom kurz vor Konzertbeginn] etwas im mittleren 400er-Bereich, Durchschnittsalter würde ich schon noch etwas höher als 30 ansetzen, wenn man die Ecke als Massstab nimmt, in der ich stand), aber dafür hat du alles andere sehr viel schöner in Worte gefasst als mir das auch nur im Entferntesten möglich gewesen wäre.

    Ein wenig Klugscheißen muss ich aber doch noch, weil in deiner Setlist „Barefoot and naked“ aufgeführt ist, was jedoch nur ein Album- und kein Songtitel ist. Würde zwar nicht drauf wetten wollen, aber wahrscheinlich meintest du das Stück „Daydreamer’s Son“. So jetzt aber genug von meiner Pedanterei und dir noch viel Spass beim Schreiben und Gillespie hören.

    Frank

  2. 2 anny way
    30. November 2008 um 11:37

    Hallo Frank,
    danke für das nette Feedback. Konstruktive Kritik ist immer willkommen.
    Im Forum wurde die Besucherzahl auch mit ca. 500 geschätzt, wie auch immer, eine unglaublich große Menge.
    Danke für den Hinweis zum Titel, werde das entsprechend korrigieren und entschuldige daß jetzt mal mit meiner langen Gillespie-Abstinenz.
    Beste Grüße,
    Anny Way


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