15
Dez
11

Zettel auf dem Boden-Tour: Niels Frevert & Band in Köln

Am 04.November 2011 erschien Niels Freverts Album „Zettel auf dem Boden“ , das er seit dem 07.Dezember im Rahmen einer 10tägigen Tour präsentiert.  Im Vorprogramm spielt der schwedische Songwriter „The Late Call“ alias Johannes Mayer. Am 14.12. machte Niels mit Band im Kölner Club Luxor Station.

Johannes Mayer teilt  leider das ungerechte Schicksal vieler Solo-Support Acts – sein Set wird gnadenlos von den hinteren und mittleren Reihen des Kölner Publikums verquatscht. Dabei schaffen gerade seine schöne, klare Stimme, die leichte Melancholie der Songs und die durchaus dynamischen Pickings ein Bedürfnis nach Stille und Konzentration – so zumindest werden es die drei ersten Reihen der Zuhörer empfunden haben. Der aus Stockholm stammende bärtige Barde präsentiert seine Ansagen in akzentfreiem Deutsch und erinnert optisch frappierend an den Songwriter Ray Lamontagne. Immerhin schafft er es, seine Genervtheit relativ stoisch buchstäblich zu überspielen. Bei denen, die seinem Set folgen können, findet er begeisterten Zuspruch.

Als Niels Frevert mit seiner fünfköpfigen Band die Bühne betritt fällt die Begrüßung dafür umso freundlicher aus. Niels wird begleitet von Stephan Gade am Bass (auch Co-Produzent des Albums „Zettel auf dem Boden“), Tim Lorenz am Schlagzeug, Stefan Will am Keyboard, Martin Wenk (sonst bei Calexico) an Akkordeon, Trompete und Vibraphon, sowie dem Cellisten Ladislav Cinzek.
Niels spielt die ersten drei Songs sitzend auf einem eigens mitgebrachten Hocker, den reichlich Klebeband zusammen hält. „Schlangenlinien“, „Frustrationstoleranz, Herr Frevert“ und der Hit „Du kannst mich an der Ecke raus lassen“ bilden das Warm-up.
Erstaunlich klar, transparent und ausgewogen erreicht der Sound die Zuhörer, was bei der Vielzahl der Instrumente nicht selbstverständlich ist. Herr Frevert ist kein Entertainer und Freund vieler Worte. Um die Gunst des Publikums muss er aber nicht buhlen, sie ist ihm sowieso gewiss. Zu manchen Songs wie „Regenwald“ oder „Wohin hat es deine Sprache verschlagen“ fallen ein paar Sätze, die erklären, an wen diese Stücke adressiert sind. Ein paar charmante Kommunikationsversuche wie „Ihr seht gut aus!“ werden eingeflochten und erwidert, sowie die Beteuerung, sich besonders auf Köln gefreut zu haben. Die Stimmung auf der Bühne wirkt gut, gelassen, die Konzentration bleibt aber stetig beim Programm, das dort auch als „Zettel auf dem Boden“ (Setlist) liegt. Bremsende Pausen zum Stimmen der Gitarren entfallen weitestgehend, weil zwei Stage-Hands im Hintergrund wirken, die Instrumente anreichen oder auch mal eine gerissene Saite wechseln. Man hat den Eindruck, hier arbeitet ein sehr gut eingespieltes Team, das nach einigen Konzerten der Tour souverän aufeinander abgestimmt ist. Da alle Bandmitglieder auch an den Aufnahmen des Albums beteiligt waren, gelingt es, die Qualität der Arrangements (abgesehen von den Streichern, die hier meist auf das Cello reduziert wurden) ohne Einbußen oder Improvisationen auf die Bühne zu bringen.
Es ist fast zu schwierig, musikalische Höhepunkte zu benennen. Als Frevert-Newbie würde die hier Schreibende die Songs „Doppelgänger“, „Aufgewacht auf Sand“ und „Waschmaschine“ hervor heben, letzteres als Trio mit Cello, E-Piano und Niels an der Gitarre gespielt. Beim neusten Single-Hit „Ich würd dir helfen, eine Leiche zu verscharren …“ fällt das Publikum klatschend mit ein, der Song groovt und beschließt das Haupt-Set, das so natürlich nicht enden kann. Als Zugabe singt Niels zunächst solo „Eines flüchtigen Tages Treffen auf der Straße“ und ein wunderschönes „Aufgewacht auf Sand“ (Lieblingslied!) welches Martin Wenk mit schwebenden Klängen aus Vibraphon und Cellobogen begleitet. Nach dessen Ausklingen mag man fast nicht applaudieren, um die wunderbare Stimmung nicht zu zerstören.

Während der letzten Zugaben „Wann kommst du vorbei“ scheint Herr Frevert irgendwie erst richtig anzukommen, blickt in die Menge und lächelt, nimmt einzelne Zuschauer wahr. „Du bist zuhause, Niels!“ ruft jemand aus der Menge und damit scheint ein Bann gebrochen. Den folgenden Hit „Du musst zuhause sein“, der bis an die Schlagerschmerzgrenze eingängig klingt, singt das Publikum mit. Das soll leider auch schon unser Song für die Heimweg bleiben, aber es wirkt wie eine gegenseitige, abschließend herzliche Umarmung. Nach dem Motto: Wenn es am schönsten ist, soll man gehen… aber hoffentlich bis zum nächsten Konzert hier im Sektor!

© A. Mönch-Tabori, Verwendung nach Rücksprache

27
Nov
11

Blues Culture – Abi Wallenstein in der Harmonie Bonn

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Fotoimpressionen vom Konzert am 25.11.11

© Astrid Mönch-Tabori,
Verwendung nach Rücksprache

21
Jul
11

Impressionen vom 5. Kölner Schlaraffentag

16
Apr
11

Woven Hand @ Indra Hamburg

Konzertbericht siehe unten - english concert review at the bottom

  

© astrid mönch-tabori

Prolog

Anfang März schrieb ich einem Bekannten eine Mail. Ich hätte eine Band entdeckt, buchstäblich umwerfende Musik, die meinen kleinen musikalischen Kosmos wie ein Erdbeben erschüttert habe. Eine Woche später bebte die Erde in Japan dann wirklich. Seltsame Wortwahl, stelle ich rückblickend fest.
Und überhaupt. Wieso treffe ich auf diese Musik heute, wo die Band doch schon seit über 15 Jahren (früher 16 Horsepower) treue Fans besitzt und Kultstatus innehat, seit 5 Jahren unter dem aktuellen Namen WOVENHAND Alben produziert und im Jahrestakt durch Europa tourt? Wie oft schon hätte ich die Gelegenheit gehabt, sie in 50km Umfeld zu sehen und es hat mich nie interessiert? Wieso gerade jetzt?

An manchen Punkten im Leben trifft man auf Dinge oder Personen, die einen tieferen Sinn zu haben scheinen, auch wenn man sich der Bedeutung nicht unmittelbar bewußt ist. Die globale Apokalypse scheint anzurollen. Zunächst vor allem in Bildern von unfaßarem Leid und omnipotent entfesselter Destruktionskraft. Kräfte, die der hybriskranke Homo sapiens nicht begreifen kann/will, geschweige denn zu kontrollieren vermag. Ohnmacht, Angst, Trauer, Wut… ein Schluck aus dem Kelch, den wir alle gereicht bekommen. In gewisser Weise scheint dies hier (m)ein apokalyptischer Soundtrack dazu.

Als nicht-englisch-sprechender Hörer steht bei Wovenhand zunächst die Musik im Vordergrund und ist Auslöser der Faszination. Fesselnde, magnetische Rhythmen, hübsche, überschaubar-repetitive Melodiesequenzen, ein kosmopolitischer, epochenübergreifender musikalischer Horizont, eine kraftvolle Stimme in vielstimmingen Gesangparts. Aber Wovenhand ist nicht einfach gute Musik. Darin steckt eine dicke Packung Botschaft, mit der man sich spätestens bei Lesen der Booklets auseinander zu setzen gezwungen sieht. Denn Herzstück der Band ist David Eugene Edwards (DEE), der mit bitterem Ernst einen Auftrag verfolgt: spreading the gospel. Sein Bild vom Menschen ist kein sonderlich gutes. Seine Botschaft keine frohe. Die Menschheit ist verdorben und der Verdammnis geweiht. Er legt es uns mit all seiner stimmlichen und physischen Kraft nahe, die Botschaft der Bibel ernst zu nehmen, uns zu Jesus zu bekennen. Spätestens hier erreicht man als Hörer einen Scheideweg. Meinen nicht die meisten von uns, mit dem Kapitel (christlichem) Glauben irgendwie abgeschlossen zu haben? Wie geht man mit diesen Aussagen um? Kann man dabei mal eben locker Textzeilen mitträllern? Und wenn es nur wie ein erneutes Aufschlagen eines längst weggestellten Buches ist, hat diese Musik schon viel erreicht, finde ich. Love it or leave it!

Konzert

Das Indra ist ein kleinerer Club inmitten Hamburg St.Paulis hot spots Reeperbahn und Große Freiheit. Auf dem Weg zum Club durchquert man die Essenz der Amüsier-Gesellschaft. Eben noch über die Beine eines Obdachlosen stolpernd wird man fast vom Türsteher des nächsten Erotikkinos aufgefangen und mit Nachdruck ins Rotlicht eingeladen. Am Neonhimmel blinkt Klein-Las-Vegas. In einer Seitenstraße bestätigt die Heilsarmee „Jesus lebt“. Hier also werde ich mein erstes Mal Wovenhand erleben. Seltsam. Treffend?

Das Indra füllt sich bis 21:00 stetig, am Ende verfolgen 150-200 Hörer das Konzert. Die Bühne ist nicht hoch und nicht groß, aus der ersten Reihe könnte man David fast die Hand reichen. DEE nimmt gegen 21:20 seinen Platz ein und beginnt, kurz ins Auditorium nickend und ohne Umschweife das Programm. Tags zuvor war die Band beim Roadburn-Festival (beeindruckendes Video!) auf großer Bühne mit schönem Bühnenbild und Lichttechnik präsentiert worden. Hier fällt die Präsentation vergleichsweise bescheiden aus. Drei Lichter über der Bühne, ein einziger Spot beleuchtet David phasenweise, die begleitenden Musiker Ordy Garrison am Schlagzeug und Jeff Linsenmaier am Keybord sitzen im Halbschatten. David gibt Gas, wie man es wohl von ihm gewöhnt ist, aber er buhlt nicht um die Gunst des Publikums. Er ist sehr präsent, konzentriert, tief in seiner Musik, schuftet mit ganzen Pferdestärken. Einige Male erhebt er sich von seinem Hocker, richtet sich zu stattlicher Körpergröße auf und scheint in die hinteren Reihen des Club zu spielen. Seine Energie findet im Publikum aber nur punktuell Resonanz. Der Pegel des Befalls steigert sich zwar von Stück zu Stück, dennoch beschleicht mich der Eindruck, daß hier überwiegend konsumierende Zuschauer anwesend sind als begeisterte Fans. Ich für meinen Teil bin sehr begeistert und kann vor allem nicht still stehen. Es heißt, David schätzt es nicht, wenn Leute zu seiner Musik tanzen. Aber wie kann man sich dieser Wucht entziehen? Es kommt mir fast falsch vor, wenn dort vorne jemand schuftet wie ein Pferd und der Rest steht rein beobachtend davor. Schließlich ist dies keine Literaturlesung. Und peep-shows gibt’s ein paar Häuser weiter…

Nachdem „Winter Shaker“ verklungen ist geht die Band unter eingespielten indianischen Pow-Wow-Gesängen von der Bühne. Das Publikum stimmt jubelnd und applaudierend in die Klänge ein und nach wenigen Minuten kehren die drei zurück um „Off the Cuff“ und eine weitere Zugabe zu spielen. David erhebt sich schließlich, winkt und murmelt etwas über die Zuhörer hinweg. Nachdem sie die Bühne nun erneut verlassen, fordert ein Teil der Zuschauer zwar noch vehement nach weiteren Zugaben, doch der Clubchef beginnt bereits demonstrativ mit dem Abbau, so daß klar wird: das war´s. „Kurz und schmerzlos“ sagt jemand hinter mir. In der Tat sind die knapp eineinhalb Stunden vergangen wie gefühlte 10 Minuten.
Soweit mein erstes, aber sicher nicht letztes Wovenhand-Erlebnis!

Prologue

In early March I wrote an email to a friend, telling him I discovered a band who plays really staggering music, it had shaken my little musical cosmos like an earthquake. One week later this terribel earthquake hit Japan. In retrospect it seemed  to me a quite strange choice of words.

 But wondering in general: why did I come across this music just now, although the band has existed for nearly 15 years now, they have a considerable amount of loyal fans, and for the past 5 years have been producing amazing albums under the name WOVENHAND. They have been touring Europe on a yearly basis as well. How often could I have had the chance to see them in the next bigger town?

 There are times in life when certain things happen or you meet certain  persons, and it  seems to have a deeper sence, even if you aren´t concious of it at that time. A global apocalypse seems to be rolling up to us. First primarily in pictures of unimaginable suffering and  unleashed omnipotent destructive force. A force, that the so called homo sapiens who are sick by self-esteem can not and will not understand, or be able to control. Faint, fear, sadness, anger … just a sip from the cup that we all get served. In a special way this music seems to me my (an) apocalyptical soundtrack to the former disaster.

As a non-native –english speaking  listener the music for me is in the foreground of perception and the primary cause of fascination. The captivating rhythms, the amazing repititive melodic elements, a cosmopolitan and timeless musicial  horizon, a powerful voice in polyphonic sung parts. But Wovenhand means  not just good music. There is a big package of a serious message included, you are forced  to deal with, at least when you start reading the booklets.

Heart of he band is David Eugene Edwards, who pursues his  misson with deep seriousness:  spreading the gospel. His view of man is not a very good one. His message not happy. Humanity is corrupt and dedicated to damnation. David offers his listeners with his voice and physical power to concider seriously  the messages of the bible and to confess Jesus. At last at this point of listening you reach a crossroad. Do not most of us seem to have made up their opinion about consider christian believe? How do you deal with those statements, with words that come from a deep and passionate faith? Can you still simply lilt a song´s texts now? Even if it is just like opening a book again that you put on the shelf a long time ago this music has achieved a lot in my opinion. Love it or leave it!

 Concert

The Club Indra is a slightly smaller club in the region of Hamburgs hot spots Reeperbahn and Große Freiheit. On the way to the venue you have to walk along the essence of the pleasure-hungry-night-life-society. One moment you stumble upon the legs of a homeless, the next moment you are stopped by a doorkeeper of an erotic-cinema and he invites you emphatically to visit the red-light-shows. Looking  up into the sky full of flashing neon signs you feel like being in a tiny kind of Las Vegas. In a side street  the signature of the Salvation Army confirmes “Jesus lebt”. Well, here I´m going to see Wovenhand for the first time? Strange. Fitting?

Indra is filling up steadily up  to 21:00, at the end of the concert round about 150-200 listeners will be there. The stage is neither wide nor very elevated. People in the first row could almost shake David’s hand. DEE takes his place about 21:20, nodding briefly in the auditorium and starts  to play immediately. On the previous night  the band was presented at the Roadburn Festival ( impressive video!) on a big stage with a beautiful backgroundimage and lighting show. Today the manner of presentation is comparatively modest. Only three little, fixed lights over the scene, a single spot lightens Davids face time to time, his band members Ordy Garrison on drums  und Jeff Linsemeyer on keyboard and percussion are standing nearly in the shadow. David starts by  with full enery, the way it  might be expected from him. But he is not courting the favor of the public. He is very present, concentrated, deep in his music, with all the his „horsepower”. A few times he gets up from his stool, drew himslef to his stately height, and appears to play for the back rows of the club. His energy finds resonance in the audience, but only selectively. The level of approval increases from piece to piece, still the impression creeps to me that people here are mainly present as a consuming audience than as enthusiastic fans. What concerns me, I am very excited and above all  can not stand motionless. It is said David doesn´t appreciate the people dancing to his music. But how can you escape this enormous power of the music? It seems to me even wrong if somebody there in front is toiling hard like a horse and the rest is standing there and just watching. Finally this is no lecture of literatur. And peep-shows you may find some houses downstreet…

After “winter shaker” faded the band leaves the stage while native american pow-wow-music is played.  The crowd is cheering and applauding right into the sounds and after a few minutes the three musicians come back to play „Off the cuff“ and a further encore. David finally gets up, waves and  mutters something right over the audience. After they had left the stage once again, a part of the audience still called  for more encores vehemently, but the club owner  starts with demontage of the equipment demonstratively . So it becomes evident: that´s it. “Short and painless” somebody behind me says. Yes, indeed, this last hour and a half felt like only ten minutes had passed.

So far my first  - but for sure not my last Wovenhand experience.

 

23
Mrz
11

Turbulenzen in der Ruhezone @ Köln

Die vorletzte Station der gemeinsamen Tour von Daantje & the golden handwerk und _pappmaché mit dem verheißungsvollen Titel „Turbulenzen in der Ruhezone“  fand statt in der Kölner Südstadt - weniger auf, sondern in der „Lichtung“. Ziemlich licht waren an diesem Abend die Zuschauermengen, weniger Licht gab´s auf der Podestbühne des wohnzimmerartigen Konzertraums (daher auch die bescheidenen Fotos). Zugegeben, noch nie habe ich bei einem Konzert in einem so bequemen Ledersofa gesessen. Daß jedoch das Solo-Trio-Ensembel aus der Knyphausen-Generation durchaus Kenner der Akustik-wertschätzenden Musikszene anzulocken vermag, konnten die drei Herren an diesem Abend nur von den vergangenen Konzerten berichten.

Eröffnet wurde der Abend von Christoph Kohlhöfer alias _pappmaché, der mit sauber-klarem Gitarrenpicking seine textfülligen Stimmungsbilder präsentierte. Durch geschickt eingeflochtene, live eingespielte Sequenzen aus der Loop-Station schafft er als Solist schöne, vielschichtige Gesangs- und Gitarrenlinien. Nach drei Liedern steigt Steffen Nibbe am Bass ein, auch bekannt als Frontmann der Kieler Band „Staring Girl“. Schließlich ergänzt Daantje am Keyboard! das Trio und sie spielen unter anderem einen Song, der nett groovt und sich bei mir schnell ohrwurmartig festbeißt -  Beschlagenen Scheiben: „Wir gehen dahin wo´s noch wehtut, und wo man Kanten kennt“.

Nach kurzer Pause folgt „Hauptact“ Daantje (aka Joachim Zimmermann):  Neben textlichen und instrumentellen Ähnlichkeiten zum Vorgänger ist sein Sound etwas rauher, krauser, so daß die Saiten schon mal scheppern dürfen. Auch gesanglich wird gerne Gas gegeben. Neben den bekannten Stücken „Nicht viel“, „Alles, was wir haben“, „Der Container“, „Wer du bist“, „Zum Tee zu Neerström“ (eigentlich ein Keyboardstück), „Herr Wisemann“, „Aus der Stadt“ (Cover von „die Bäume“) gibt es den neuen Song „Dein Lied“.

Das Publikum, bestehend aus Tresenpersonal, Mitgliedern einer englischen Band, wenigen Zufallsgästen und ein paar handverlesenen Fans, hat zumindest konzentriert zugehört und nach Kräften Beifall gespendet.

Abschließende Musiktips:

Daantje arbeitet derzeit an einem neuen Silberling, der bei Omaha-Records erscheinen wird. Zu seiner EP „aha“ an anderer Stelle -> mehr.

Das aktuelle Album von _pappmaché nennt sich „Im Gastraum des Sortimentsmanagers“ (Omaha-Records). Das sind filigrane Klänge, dominiert von der Akustikgitarre, fein gewürzt mit elektronischen Elementen, die das Spektrum Singer-Songwriter bis „Die Sterne“ abdecken. Gesanglich klar artikuliert, textlich kontemplativ, kehrt _pappmaché der Diktatur des Reims in seinen Betrachtungen über die Welt gerne mal den Rücken. Ein Album, dessen klare Klänge zielstrebig ins Ohr perlen wie windgetriebene Regentropfen über Autoscheiben. Sehr SCHÖÖN!

28
Sep
10

Schöftland @ Rubinrot Köln

Der Club-Name klingt flauschig-schwül, das Ambiente beim Betreten des Ladens mutet an wie die altmodische Dunkelkammer eines Fotolabors. Ein hot spot in Köln-Ehrenfeld sei das Rubinrot, belehrt man mich.  Die einladenden und überraschend hippen Sitzgarnituren im mittleren Teil des Clubs lassen kaum vermuten, was den Besucher im Hinterzimmer erwartet: ein Konzertraum, der eher wie eine für Bandproben leer geräumte Garage wirkt. Ein 30cm hohes Podest markiert die Bühne. Musiker überduchschnittlicher Körperlängen wie Phillip Süss oder Floh von Grünigen duschen förmlich unterm Licht der tiefhängenden, nervös blinkenden Scheinwerfer. Die Bühne bietet geringfügig mehr Platz als der vor der Tür geparkte Tourbus. (Oha, wispert die Skepsis).

Die Bühne ist bereits dicht bestückt mit Instrumenten, Mikroständern und Hockern, doch für eine Kiste Band-Bier findet sich auch noch ein Winkel. Nach dem die Getränkeversorgung sichergestellet wäre, beschließt Phillipp Süß als Trio in Begleitung des „Absoluten Gehirn“s dem Warten auf weitere Publikumsmassen ein Ende zu machen.

Phillip Süss an der Akustikgitarre haut seine Songs raus, als gäbe es kein Morgen. Seine stark rhythmusdominierte Begleitung in Form von Schlagzeug und E-Bass erschlagen dabei seine Stimme, die nicht immer ganz auf dem Ton sitzt. Leider geht auch viel von den guten Texten der Songs wie „Man soll sie feiern, wie sie fallen“, „Knietief im Sommer“ oder „Zu wahr um schön zu sein“ unter, die statt rauhbeinig eher lyrisch wirken könnten.  Den Auftritt bei 2.Schlaraffentag in Köln, wo Phillip als Duo in Begleitung mit Bratsche auftrat, war mir positiver in Erinnerung.

Eine Umbaupause brauchte es nicht, Schöftland ließen das überschaubare Publikum nicht lange warten. Floh von Grünigen macht keine langen Ansagen, eher die kürzest möglichen Pausen zwischen den Songs. Er erwähnt zu Beginn allenfalls schnell: „Wir sind Schöftland aus Bern“. Mit den ersten Takten steht der schlichte Raum plötzlich unter Spannung. Die Band treibt mit „Der Sturm“, „Dass ich schlief“, „Das Biest“ und „Der Schein trügt“ voran. Vom befürchteten Garagensound weit entfernt (Die Skepsis ist längst davongeschlichen). Es gibt keine Stimmpausen, die mit Anekdoten gefüllt werden müßten, kaum ist ein Song beendet, der Applaus noch nicht verklungen, geht es zum Teil nahtlos und sportlich über ins nächste Stück.  Der stetig wachsende Energielevel, den Floh für die ganze Band antreibt sinkt nicht mehr. Floh taucht ab in den Songs, ist sehr vertieft.  Der Funke Begeisterung ist längst auf die Zuhörer übergesprungen. Jedes Stück erntet begeisterten Applaus und Jubel. Jeder Ton, jeder Takt sitzt perfekt.  Der vielschichtigen Sound des Albums „Der Schein trügt“ wird live in bester Qualität auf die Bühne gebracht. Stefan Rolli schafft mit dezentem  Saxophon und Synthesizer Klangebenen, Sascha Mathys spielt excellent die Leadgitarre, Kaspar tauscht jazzigen Kontrabass und e-Bass , und Patrik Zosso (?) trommelt die teilweise gegenläufig und ungewöhlich synkopierten Rhythmen. Auch die älteren Stücke der EP „Nur Touristen“ füllen das Programm, weiterhin „Blaulicht“, „Kommst um zu gehen“, das wunderschöne „Komet“ und der Klassiker der Band: „ Bademeister“.

Natürlich dürfen die Jungs nicht einfach so gehn, das geht nicht! Und wo sollten sie auch hin - ohne  Backstageraum? Da hilft nur die Flucht zurück auf die Bühne und der Aufforderung „… nochmal von vorn!“ zumindest mit Zugaben zu begegnen. Ein fulminantes Highlight zum Abschluß bildet das Cover von „Sommertag“ aus der Feder des Freundes und Kollegen Gisbert zu Knyphausen. Mit „Liebesbrief“ und „Nur Touristen“ beenden die Berner das Konzert, denn „viel mehr können wir gar nicht spielen“ beteuert Floh bescheiden.

Aber bitte: Dieses Konzert hätte nicht 30 sondern 300 Zuhörer verdient. Was dem kleinen Publikum geboten wurde war Präzisonsarbeit einer perfekt zusammen gewachsenen Truppe auf höchstem Niveau.  Bis zum 01.Oktober sind die Schöftländer noch in Deutschland auf Tour.

Dringende Empfehlung: Muss man gehört haben!

Zeitlich passend zur Tour wurde auch gerade das neue Video zum Album-Titelsong „Der Schein trügt“ veröffentlicht.

23
Sep
10

Daantje und Olli Schulz – LoFinesse zu Dramaturgie in Töpfen

Am 17.09. spielten Olli Schulz und Daantje and the golden handwerk (alias Joachim Zimmermann) im MUK Gießen ihr letztes gemeinsames Konzert, bevor Olli Schulz seine Solo-Tour mit Support Walter Schreifels fortsetzte, während Daantje wieder die Heimatstadt Stuttgard ansteuern würde.
Olli Schulz, dessen Lebenslauf sowohl hinter als auch vor der Bühne genug Stoff für unterhaltsame Memoiren liefern könnte, stellte seinen Support Gast Daantje zunächst persönlich vor. Es sei der letzte gemeinsame Konzertabend, den die beiden anschließend in der Badewanne des Hotels gemütlich ausklingen lassen würde, witzelte Olli und überließ seinem Kollegen damit die geräumige Bühne, deren Deko aus vier Barhockern und einer aufblasbaren Plastikpalme bestand.

Beim zaghaften Zwiegespräch zwischen Sänger und Publikum stellte sich heraus, daß man bereits in der Vergangenheit das Vergnügen hatte, Daantje in Gießen zu erleben. So zollten die ersten Reihen des Publikums dem Vortrag auch gebührende  Aufmerksamkeit. Musik als goldenes Handwerk zu bezeichnen entbehrt natürlich nicht einer guten Portion Zynismus, aber das Gold in Daantjes Songs zu finden braucht „nicht viel“. Grundvorrausetzung natürlich: ein aufmerksames Ohr. Als überzeugender Vertreter der LoFidelity reichen Daantjes akustische Gitarre, ein Kapo und ein paar gezupfte, schöne  Akkordfolgen, um das Wesentliche eines Songs aufzubauen. Ein eingängiger Puls durchzieht seine Stücke rhytmisch-hypnotisch. Mit klarer Sprache, schnörkellosem Gesang und manchmal auch recht schrägen, symbolhaften Bilder beschreibt Daantje melacholisch Situationen des Lebens und der Liebe.  Der sympathische Stuttgarter nimmt sein Publikum mit in den Keller zu swingenden Türen, „auf die Reise“ in den Bus, oder ist auch schon mal mit der Asche der Mutter unterwegs durch die ungläubige Welt.  

Spätestens als Daantje „Wer du bist“ ankündigt wird die Aufmerksamkeit nochmal spürbar. Das Stück kennt man auch aus dem Repertoire des Durchstarters Gisbert zu Knyphausen, der es sich als Cover bei Daantje quasi auslieh.

Dialog, der sich vor Liedbeginn entspann: Zuhörerin: „Ein MUSS“  Daantje:“ ein WAS?“ Sie: “Ein Muss, das Domizil (Club in GI)“  Daantje:“Ich verstehs nicht richtig, das diskutiern wir nachher aus, wenn ich die Ohrstöpsel draußen hab“

Und einen neuen Song namens „Der König“ durften wir Probehören, der Song wird auf der nächsten CD erscheinen.

Als Olli Schulz nach kurzer Pause die Bühne berat, hatte sich das MUK gut gefüllt, mindestens 100 Zuschauer erlebten nun ein Konzert der unterhaltsamsten Art. Auch Olli Schulz hatte außer seinem umfangreichen Anekdotenschatz nur seine Gitarre im Gepäck. Einen Abend mit Olli detailgetreu wiedergeben zu wollen würde alle leserfreundlichen Rahmen sprengen. Dieser Mensch schießt mit Stories nur so um sich, reagiert spontan auf jede Situation, die das Publikum anbietet und improvisiert ständig. Nach wenigen Songs erklärt er auch seine Unterhaltungsstrategie mit weit ausholender Geste: „Man muß das Publikum nehmen und in Töpfe tauchen. Erst in den fröhlichen Topf, dann wieder raus und in den traurigen Topf und so weiter…“ oder auch: “ Man muß das Publikum zerstören und dann langsam wieder aufbauen. “ Das Publikum macht das natürlich gerne mit. An diesem Abend sprüht Olli vor Unterhaltungsgabe, Songs und mindestens genauso viele Geschichten zu deren Entstehung lassen  zwei Stunden wie im Flug vergehen. Fast scheint es, als sei Olli selber, gerade so gut in Schwung, garnicht mehr zu bremsen. Es wechseln Pop-Songs mit Lachnummern, bissige Geschichten mit ernsthaften Liedern. Zwischendrin auch mal Seitenhiebe auf  die Band „Rammstein“. Wo soll man all das musikalisch einordnen? Vor dem Versuch, seine Songs stilistisch in Schubladen stecken zu wollen, hüte man sich besser. Man läuft sonst  Gefahr, wie einer jungen Journalistin im Interview widerfahren, mit dem den Satz: „Halt die Fresse, krieg´n Kind“ abgewatscht zu werden. Ja, dieser Mann kann auch mal gefährlich werden und scheut bei Bedarf nicht davor zurück, lästige Konzertbesucher handgreiflich zu entsorgen. Keine Anekdote, wirklich so passiert. Zum Glück aber nicht an diesem Abend.

Im ersten Konzertteil hatte Olli noch scherzend behauptet „ich nehm euch mit auf einen Trrrrip. Ihr werden euch nachher alle ausziehen und wir werden hier eine wilde Orgie feiern… aber erst nach 90 Minuten.“ Nungut, erleichtert war festzustellen, daß sich unsere Kleidung doch noch am rechten Platz befand. Bestens unterhalten haben uns die Herrn Schulz und Zimmermann dennoch.

PS: Szenen aus der Hotel-Badewanne sind bislang nicht im Netz aufgetaucht.

18
Aug
10

„Caruso“ oder eine Geschichte über das Ankommen

Nils Koppruch - CARUSO

Am 13.08.2010 erschien CARUSO, Nils Koppruchs zweites Solo-Album bei Grand Hotel van Cleef.

Die musikalische Experimentierfreude, die FINK-Alben reizvoll machte, ist nach dem recht schlichten Vorgänger „Den Teufel tun“ wieder erwacht. Ein prachtvolles Bukett erlesener, akustischer Instrumente rankt sich um den gewohnt schnörkellosen Gesang. Wo dunkle Lyrik Szenen skizziert, tupft die Musik Farben. Dank vieler hilfreicher Hände schöpft Koppruch aus einem Instrumentarienschatz mit folk-klassischer Schönheit. Zwischen wehmütig-warmen Cello schluchzen die Geigen, ein hibbeliges Banjo tanzt zwischen satt-swingender Bass und pointierter Percussion, das Pedal Steel singt hingebungsvoll, freche Bläser heizen augenzwinkernd dem Liebestaumel ein, eine heisere Tom-Waits-Gitarre tönt und das Piano hat den Blues. Die geliebten Schrulligkeiten, Irrwege durch Sinn und Sein, schwingen ein Tanzbein mit der guten Portion Liebe, einer Prise Humor und manchem Ohrwurm. Brillanter hat Nils Koppruch nie geklungen.

„Die Tür schlägt zu, man dreht sich um und kommt nicht wieder rein.“ Das Album beginnt mit einer Situation, die durchaus eine Filmszene sein könnte. An dieser Stelle nimmt die Reise des „poor boy“ (Armer Junge weint, armes Mädchen auch) ihren Lauf durch den Koppruchschen Kosmos. Es ist ne sonderbare Welt, aber Koppruch suhlt sich nicht in seinem Leid, wie es in mancher Songwriter-Depression gerne zelebriert wird. Neben aller Verzweiflung, stehen immer auch tröstende Bilder wie: „der Löwe liegt beim Lamm und ich allein wär tausend Mann“ – ein schon durch die Alliteration verbales Sahneschnittchen, das ein traumartig-wohliges Gefühl von Idyll und Frieden zu zaubern vermag.

Wir folgen dem Protagonisten weiter in triste Backstageräume und ziehen Resümee unter enttäuschende Beziehungen. An einem Tiefpunkt, wo andere sich aufgeben, sieht Koppruch den vielleicht einzig möglichen Weg: den Blues aushalten und weitermachen, die Nadel im Heuhaufen suchen, den Sprung über den eigenen Schatten wagen. Selbst im tristen Blick auf den erfolglosen Musiker steht die abgeklärte Erkenntnis: „Du kannst das Tier zum Brunnen bringen, doch kannst du´s nicht zum Trinken zwingen.“ Auch in älteren FINK-Texten gab es Zeiten, wo man mit dem Gesicht zur Erde lag, doch die Richtung kam von vorne entgegen. Wir beobachten hier aber keine Vögel im Winter, sondern spüren den Sommer auf der Haut. „Kirschen gibt´s an Sommertagen, nur solang die Bäume tragen …“ Also hebt man erkenntnisgereift besser den Kopf. Vielleicht fällt der Blick auf einen Kirschbaum am Straßenrand, der gerade reich trägt, und der Weg geht sich wieder ein Stück wie von selbst. „Weil´s möglich ist“  und der Henker macht ja auch nur dann den Knoten, wenn man ihn läßt.

Begleitet von Gisbert zu Knyphausen reitet der „poor boy“ weiter durch die Steppe mit „Der Aussicht“ auf silbrige Horizonte, die schließlich das Pferd am Laufen halten müssen. Man schlendert etwas ratlos-verkatert über den „Hamburger Berg“ und macht einen romanzenhaften Abstecher ohne Worte nach „Wien“. Eingeblendet sind chronologisch unabhängige Momente: verrückte Bilder von gefühlter Sturmflut und Inferno, wenn die Liebe zündelt aber auch die sehr plastisch erzählte Erfahrung tiefer Existenzkrise, wenn die vertraute Welt scheinbar fort gespült wurde. Vielleicht weil der Mensch fehlt, der mir von mir erzählt? Die Beziehung zum Du nimmt in den meisten Songs eine latente Rolle ein. Aber dies zu beschreiben erscheint auch Koppruch unmöglich, denn „Kein einziges Wort reicht so weit“.

Was auch immer in dem Brief stand, der lieber ungelesen bleiben sollte: Am Ende des Films stellt Regisseur Koppruch den „armen Jungen“ wieder vor eine Tür. Wir ahnen: „Alles kommt in Ordnung“, denn sie wird sich öffnen. Es ist eine musikalische Geschichte über das Ankommen.

Titelliste CARUSO (Dauer 43:26 min)
1. Armer Junge weint, armes Mädchen auch
2. Caruso
3. Kirschen (Wenn der Sommer kommt)
4. Wort im Wasser
5. Die Aussicht
6. Verrückt vor Liebe
7. Hamburger Berg
8. Wien 91/5
9. Weil´s möglich ist
10. Wissen mußt du es doch
11. Vergessen was ich wußte
12. Stadt in Angst

Foto © Andreas Hornoff

Tour: Ab dem 03. Septmeber wird Nils Koppruch mit seiner Band (Christoph Kähler, Lars Paetzelt, Oliver Stangl) in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs sein (Termine). Begleitet wird er dabei von dem Cellisten Hans Wagner, Teil der Band Neuschnee und des Wiener Duos Das trojanische Pferd.
Weiterhin spielt Nils Koppruch als Support im November für Gisbert zu Knyphausen. (Termine)

03
Apr
10

Strange Country … chilling with lazy charme

Strange Country  - John E. Flamingeaux, Lola

„Strange Country“ nennt sich das 7-köpfige Musikerkollektiv aus Hamburg um Frontmann John E. Flamingeaux. Am 06.März 2010 erschien ihr erstes, gleichnamiges Album im Eigenverlag bei strange recordings.

Vom klassische Countrybegriff distanziert man sich zwar im Pressetext zum Album und Anlehnungen an Nick Cave, Calexico, Giant Sand oder Tom Waits werden herangezogen, beim Opener „Baby Did A Dirty Thing“ wähnt man sich zunächst jedoch fast im heimeligen Flow eines Slowhanders à la Clapton oder JJ Cales Troubadour.
Beim Suchen von Vergleichen wird man schnell fündig, denn Duett-Klassiker wie Hazelwood/Sinatras „Summerwine“ oder Cave/Minogue´s „Wild Rose“ haben bei You Will Have To Sleep oder bei How Can I Keep From You möglicherweise Pate gestanden.

Obwohl es um Sehnsucht, Liebe und skurile Begegnungen geht wirkt die Performance der Songs unaufgeregt-lässig. Die Leidenschaft schwingt mehr auf der Ebene der Instrumente mit, der singenden Pedal Steel oder der schluchzenden Violine, als in den Stimmen der Protagonisten Lola und John. Dialogwechsel, zwei- und mehrstimminge Vokalparts zaubern feine Melodien in die instrumentale Klangvielfalt.
Charakteristisch ist die spannungsvolle Differenz zwischen Lolas mädchenhaft-feiner, melodischer Stimme, die Johns knarzig, trockenem Bariton umschmeichelt, der dem schnörkellosen Gesang eines Howe Gelb stellenweise durchaus zum Verwechseln ähnlich klingt.
Das breit angelegte Instrumentarium einer klassischen Countrybesetzung aus Gitarre, Banjo, Mandoline, Pedal Steel, Lap Steel, Harmonium, Violine, Kontrabaß und Percussion breitet sich in Strange Country, einer siebeneinhalbminütigen Erzählung teilweise zum vielschichtigen, spannungsreichen Klangteppich aus, wird teils aber auch wunderschön akzentuiert, verspielt eingesetzt.
The Road The Sea wechselt stimmungsvoll instrumentiert zwischen lonesome-Cowboy und Seemanns-Romantik.
Während man zum liebreizenden Julies House noch das Tanzbein schwingen mag, durchbricht die voranpreschende  Bluesnummer Unburden Me mit ihren verzerrten Gitarren-Riffs angenehm rauh das Klima.
Red & Gold verabschiedet den Hörer schließlich mit einer melancholischen-seichten Herbststimmung, die im Nachklang des Gesamteinddrucks das proklamiert „alternative“ ein wenig in Frage stellt.
Ein origineller Song, White Cat, hat den Weg auf dieses Album leider nicht gefunden, ist derzeit aber noch auf MySpace zu hören.

„Strange Country“ ist das bezaubernde Debut-Album einer Band, die auf dem Weg durch den Musikdschungel ihren eigenen Weg geht. Das Potential „alternativ Country“ zu spielen schwingt in vielen Stücken mit, könnte aber individueller umgesetzt werden. In der swingenden Nummer Josephine heißt es: „… thrill me with your lazy charms“, womit Musik und Stimmung des Albums charmant auf den Punkt gebracht wären.

31
Jan
10

2. Kölner Schlaraffentag … und trotzdem wollen alle auf die Bühne

Am 28.01.2010 fand im Stadtgarten Köln der 2. Kölner Schlaraffentag statt.

Hier ein paar Impressionen von einem langen Abend – musikalische Völlerei, daß man dicke Ohren bekommen könnte:

Line-up:

20:00 – 20:30 Lars Gerhardt: Opener des Abends, One-Man-Band in guter Liedermachertradition, schöne, melodische Gitarrenmusik von einem sympathischen Typ, der auch mal Sozialpädagogik studiert hat und dem man das humoristische Wortspiel à la Funny van Dannen eher abnimmt, als den sozialkritischen Protestler. Selbstdarstellende Zusammenfassung (Liebe und Musik) 

„… das ist nicht lukrativ und relevant, aber es bringt mehr Musik und Liebe in dieses Land.“

20:30 – 21:00 Phillip Süß: In erster Instanz der „Gott“ des Schlaraffentags, dem alle Besucher später noch kurz danken durften, in zweiter Instanz als Duo mit Violinenbegleitung vom stummen „Francis“ als Musiker zu hören. Wunderbare, intensive, lyrische Texte, hier auch in seinem Blog nachzulesen. Wie zum Beispiel (Man soll sie feiern, wie sie fallen):

„An diese Nacht hab ich gedacht an so manchem üblen Tag,
Ne Tüte Fritten und ein Bier und rauf zum Mond,
Hab den Sommer überlebt, ich glaub, ich kann mal wieder raus
Endlich Luft, die das Einatmen lohnt.“

21:00 – 22:00 Enno Bunger: Mit dem Trio aus Leer startet der Abend in die tanzbare Abteilung. Poplastige Songs über das Leben und die Liebe, echt und ohne künstliche Attitüde, glaubhaft, spontan vorgetragen. Intro (#179/2010) schreibt in einer Rezension über das im Februar erscheinende Album: „Enno Bunger suchen keine Worte, sie sprechen sie einfach aus.“ Kann man so sehen.
Enno Bunger an den Tasten wirkt auf den ersten Blick schmächtig, entwickelt aber enorme Energie und Ausstrahlung. Er baut eine kleine Anekdote aus seinem Brotjob als Kirchenorganist ein und berichtet wie unglaublich peinlich es ist, wenn man Beerdigungsgästen versehentlich den Hochzeitsmarsch entgegenschmettert. Nette Truppe, die trotz großem Applaus keine Zugabe mehr geben darf.

22:15 – 23:20 Voltaire: Heimspiel der Kölner Band rund um Roland Meyer de Voltaire. Der Stadtgarten ist mit etwa 150 Gästen gut gefüllt, die letzten Meter vor der Bühne werden zum ausgelassenem Tanzen genutzt. Auch wenn die anschließende Band als Top-Act des Abends gehandelt wird scheinen Voltaire den meisten Zuspruch zu finden. Expressive Performance, lautlautlaut – vom Songwriter-Opening hat sich der Abend deutlich wegbewegt.

23:40 – 00:30 Schöftland: Angereist aus Bern, im Gepäck die jüngst erschiene CD „Der Schein trügt“. Wer sagte an diesem Abend zuvor noch: „Ihr werdet sagen können, ihr habt sie live gesehen, bevor sie berühmt wurden?!“ Nach dem Feuerwerk, das Voltaire abgeschossen hatte war es nicht leicht, einen guten Anschluß zu finden. Flo von Grünigen, Sänger, Texter und Kopf der Schweizer Band versuchte stimmungsmäßig anzuknüpfen. Die Zuschauerreihen hatten sich etwas gelichtet, was auch an der fortgeschrittenen Zeit gelegen haben mag. Die Stimmung der Band war jedoch ungetrübt gut und sie lieferten ein wunderbares Konzert mit dem Repertoire des neuen Albums ab. Wer den oft strapazierten Vergleich mit „Element of Crime“ im Hinterkopf trug wurde bei diesem Auftritt eines Besseren belehrt, denn Schöftland beherrschen nicht nur die Kunst melancholische Songs über Liebe-Sinn-und-Sein zu schöpfen, sondern decken ein Spektrum ab, daß von rockig dynamisch bis rhytmisch jazzig-verschachtelt reicht. Dem aktuellen Album liehen auch die befreundeten Musiker aus Hamburg Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch für 2 Songs ihre Stimme.

Ich erlaube mir mal, eine Textzeile über den Wahnsinn des Musikerseins bei Schöftland abzutippen:
(Der Schein trügt)

… doch der Schein trügt,
und der Freund lügt,
und trotzdem, und trotzdem,
wollen alle auf die Bühne …

So sei es denn!




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